geschrieben von Joern Bock Chief Operating Officer
Von der Kunst des Beobachtens – wie wir gemein-sam lernen
Von der Kunst des Beobachtens – wie wir gemein-sam lernen
18. Mai 2020 | Kategorien: News & Trends, Agility & Project Management
Über den Autor Joern Bock Joern Bock Chief Operating Officer

Die Welt wird sich in Zukunft immer schneller wandeln – manchmal sogar schlagartig, das zeigt nicht zuletzt die aktuelle Situation. Plötzlich sind Remote arbeitende Teams das „New Normal“. In meinem letzten Artikel „Arbeiten in Zeiten von Corona: Chance ergreifen, Teams beobachten, aus der Praxis lernen“ hatte ich euch dazu aufgerufen, eure Teams zu beobachten und von ihnen zu lernen. Dieses Lernen funktioniert nicht wie in der Schule. Es erfolgt über Wahrnehmung, Reflexion und den Austausch im Team über das Beobachtete, über das Erkennen von Mustern und die Auseinandersetzung damit. Nur so entsteht innerhalb einer Organisation Wissen, welches später Anwendung finden kann und die Organisation weiterbringt. Aus diesem Grund haben wir zu Beginn der Corona Krise eine Remote Learning Group gegründet, die die Folgen von Homeoffice und Remote Work beobachten und daraus wertvolle Erkenntnisse gewinnen soll. 

AOE ist nicht nur eine Lernende Organisation, sondern auch eine Agile Organisation. Das bedeutet, dass wir uns schnell und flexibel an Veränderungen der Umwelt anpassen können. Genauso erleben wir die aktuelle Situation in der Corona-Krise. Einerseits. Andererseits hat sich AOE bisher immer als On-Location Unternehmen verstanden. Wir glauben an die Bedeutung von Face-to-Face-Kommunikation, an die soziale Verbundenheit einer Gruppe, an Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung. Dabei haben wir viel Zeit und Energie investiert, um dafür das passende Umfeld in unseren Räumlichkeiten zu schaffen. Nun stecken wir mitten in der COVID-19-Pandemie, alle Mitarbeiter sind im Zwangs-Homeoffice und wir stellen fest, dass unser Wissen über wohlgestaltete Arbeitsumgebungen und sinnvolle Organisationsprozesse nicht mehr ausreicht.

Joern Bock
Lernen erfolgt über Wahrnehmung, Reflexion und den Austausch im Team über das Beobachtete, über das Erkennen von Mustern und die Auseinandersetzung damit. Nur so entsteht Wissen, welches eine Organisation weiterbringt.
Joern Bock
Chief Operating Officer
AOE

Glücklicherweise beschäftigen wir uns gemeinsam mit unseren Freunden von soul.com seit längerem mit dem Wandel von einem Unternehmen hin zu einer Community. Wesentlicher Bestandteil dieser Transformation ist die Fähigkeit einer Organisation zu lernen, Wissen aufzubauen und sinnvoll (meaningful) anzuwenden. Von soul.com haben wir gelernt, dass Lernen immer mit einer „Learning Question“ beginnt: Was möchte ich verstehen oder worin möchte ich besser werden? Und darum kommt der Learning Question eine ganz essenzielle Bedeutung in unserer Organisation zu. An einem Beispiel möchte ich das verdeutlichen. Gleich zu Beginn der COVID-19-Quarantäne haben wir gefragt „Wie viel Anteil Remote Work ist in Zukunft für den weiteren Erfolg von AOE wichtig?“. Ein spannendes Beobachtungsfeld und gleichzeitig eine gute Gelegenheit. Aber verbirgt sich hinter der Frage tatsächlich ein Lernprozess? Wir können doch heute nicht beobachten, was in vielen Wochen Realität sein wird. So wie die Frage formuliert ist, lädt sie nicht zum Erforschen, zum Beobachten ein. Vielmehr wird sie unweigerlich zu einer Debatte Pro oder Contra Remote Work führen. Und die Mitlernenden werden sich eher mit Argumenten für ihre eigenen Positionen bewaffnen, statt mit offenen Augen, neugierig und unvoreingenommen auf die Situation zu schauen. Wir wollen aber nicht unsere eigenen Positionen stärken, sondern Neues lernen, auf Überraschungen stoßen und den Blick für das Unentdeckte schärfen. Entscheidend dabei ist, sich gänzlich von den eigenen Interessen zu lösen. Voreingenommenheit oder Befangenheit treten so völlig in den Hintergrund, man nähert sich Themen neugierig und in der Haltung eines Entdeckers an. Eine „Learning Question“ muss so formuliert sein, dass sie genau dazu einlädt. 

Häufig kann man aber am Anfang des Lernprozesses noch keine Learning Question formulieren. Alternativ kann man auch erst einmal nur Themenfelder benennen, die man gut beobachten kann und die auf eine kreative Spannung hinweisen. Und um diese zu identifizieren, haben wir uns mehrere Fragen gestellt: Wo sehen wir ein Veränderungspotenzial und welchen Vorteil hätten wir, wenn diese kreative Spannung gelöst wird? Warum ist es wichtig, dass wir uns genau jetzt mit dem Thema auseinandersetzen? Welche Energien könnten wir freisetzen oder was wäre, wenn wir mehr Wissen über dieses Beobachtungsfeld hätten? Wie könnten wir dieses Wissen künftig einsetzen? Neben den vielen organisatorischen Themen, für die es natürlich auch Lösungen benötigt, liegen in den Beobachtungsfeldern und den daran anschließenden Learning Questions das wahre Potential für die Weiterentwicklung unserer Organisation.

Dabei ist es nicht von Bedeutung, dass ein Einzelner zu einer bahnbrechenden Erkenntnis kommt. Das Wachstum eines Unternehmens bzw. das Entwickeln von sozialen Kompetenzen entsteht erst dann, wenn eine Gruppe gemeinsam lernt, gemeinsam beobachtet und sich zu den Erkenntnissen aus-tauscht. Somit wird Wissen dann auch wirklich zu Wissen, das der gesamten Organisation zur Verfügung steht und von dem sie profitieren und sich weiterentwickeln kann.

Die richtige Learning Question wird uns Raum für kreative, spielerische sowie ernsthafte und tiefgründige Überlegungen geben. Aktuell stehen wir jedoch noch ganz am Anfang. Wir befinden uns mitten auf einer Lernreise über Remote Work, die wir nicht vorhersehen oder planen können. Gerne nehmen wir euch weiter mit. Fortsetzung folgt…