geschrieben von Alain Veuve MD, Switzerland
Bitte mehr Risikofreude in der Digitalen Transformation
Bitte mehr Risikofreude in der Digitalen Transformation
Über den Autor Alain Veuve Alain Veuve MD, Switzerland

Ich erlebe es immer wieder: Der Handlungsbedarf ist erkannt, die Daten sprechen dafür – umgesetzt wird zögerlich. Unternehmen tun gut daran, sich mit mehr Elan um ihre Digitale Transformation zu kümmern.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Zögerlich bedeutet heute „gefährlich“

Was als risikobehaftet oder risikolos gilt, kehrt sich in der Digitalen Transformation in der Regel um. So war es in der „Pre-Digital-Transformation-Ära“ oft so, dass Investitionen in neue Initiativen und Produkte ein hohes Risiko darstellten.

Heute ist es hingegen eher der Fall, dass abzuwarten, Investitionen zu tätigen, die wesentliche größere Gefahr darstellt. Denn bestehende, traditionelle Angebote werden im Markt mehr und mehr durch digitale oder digital-gestützte verdrängt. Ich höre oft von Entscheidungsträgern, dass diese Entwicklung nicht so schnell gehen würde und man Zeit habe. Das unterschreibe ich grundsätzlich – nur wird all zu oft vergessen, dass noch andere Einflussfaktoren mit hineinspielen können.

Verschärft sich ein Markt plötzlich rasant wegen beispielsweise äußeren Einflussfaktoren, ist es auf jeden Fall besser, das kompetitivere Angebot auf dem Markt zu haben. Was in solchen Situationen zuvor aussah als eine langfristige Entwicklung, kann sich rasend schnell in hohen Marktdruck verwandeln.

Ich rate denn auch nicht zu übertriebener Eile – auch ich denke, wir haben als Unternehmer genug Zeit um unsere Geschäftsmodelle weiter zu entwickeln. Wenn ich „genug Zeit“ sage, meine ich jedoch nicht das „genug Zeit“ aus den 80er Jahren – sondern jenes von heute. 

Der 5-Jahresplan

Wenn im Zusammenhang mit Unternehmensentwicklung von Zeiträumen gesprochen wird, graust es mir immer ein wenig, wenn ich von 5-Jahresplänen höre. Traditionell aufgearbeitet, empfinde ich diese heute schon fast als Anachronismus.

Denn, dass dieser Plan irgendwann in der Zeit fundamental angepasst werden muss, scheint mir jeweils sonnenklar. Fünf Jahre sind eine lange Zeit geworden, in der extrem viel passieren kann – und wird.

Langfristigen Horizont nicht aus den Augen verlieren

Auf der anderen Seite, und das macht es so kompliziert, muss strategisch wieder mehr auf die langen Zeiträume geachtet werden. 

Alain Veuve
„Langfristige Kurzsichtigkeit“ muss von „Kurzfristiger Weitsichtigkeit“ abgelöst werden.“
Alain Veuve

Ich bin denn auch der Meinung, dass die meisten Unternehmen heute den Fehler machen, operativ zu lange zu planen, dabei aber den Weitblick für technologische und gesellschaftliche Veränderungen vermissen lassen. Das führt dazu, dass die großen, unterliegenden Trends verschlafen werden und man sich in langfristige Planungen fast schon ohne strategische Grundlagen versteigt. Ein Klassiker ist zum Beispiel die Definition einer Wunschmarktposition als strategisches Ziel. A la: „Wir wollen bis in fünft Jahren im Bereich xy Marktführer sein“. Man kann sich viel vornehmen – und ja das sollte man auch – ich bin aber auch der Meinung, dass man seine Entscheidungen auf grundsätzlichen Veränderungen der Umwelt fußen sollte. Wie eine Welle auf der man reitet. 

Kurzfristige Weitsichtigkeit

In diesem Kontext erachte ich es als zielführender eine „Kurzfristige Weitsichtigkeit“ an den Tag zu legen. Dies soll bedeuten, die unterliegenden meist technologisch bedingten Trends zu erkennen und für das Unternehmen strategisch zu nutzen. In der operativen Planung jedoch sollte man agil und opportunistisch bleiben. Ich bin überzeugt, dass diese Herangehensweise optimaler zu den Anforderungen passt, die sich heute an Unternehmen stellen. 

Risikofreude

Hat man also die strategischen Entwicklungen erfasst und darauf eine Strategie aufgebaut, sollte meiner Meinung nach viel mehr Risiko genommen werden. Nicht unsinnig, aber so, dass man mit neuen Initiativen und Produkten am Markt eine Chance hat, schnell weiter zu kommen. 

Oft treffe ich Unternehmen an, die großartige digitale Initiativen lanciert, dafür aber sehr lange gebraucht haben. Demgegenüber stehen die schnellen, wendigen Player, welche in kürzerer Zeit ein durchschlagendes Angebot entwickelt und auch kommuniziert haben. Meist gewinnen die schnellen Player, obwohl sie oft relativ spät dran waren. 

Umgekehrt heißt das, dass man eben nicht zu den ersten gehören muss, um in einem veränderten Markt mit digitalen Produkten mitzumischen. Im Gegenteil: Es ist meist hilfreich erst nach den „Early-Adopter“ einer Technologie oder eines neuen Geschäftsmodells zu starten. Nicht zu verwechseln ist dieses Abwarten jedoch mit dem „Konzept der späten Ernte“ welche – so meine Meinung – fast immer schiefgeht. 

In jedem Fall ist es sinnvoll, beherzt und mit entsprechendem Einsatz zu agieren. Das verspricht in der Regel am meisten Erfolg. Und Erfolg kommt nun mal nicht ohne Risiko.