geschrieben von Steven Bailey Chief Strategy Officer
Wie Life Science CIOs Digital Business angehen sollten
Wie Life Science CIOs Digital Business angehen sollten
02. Dezember 2020 | Kategorien: Digital Business & Marketing, Digital Transformation
Über den Autor Steven Bailey Steven Bailey Chief Strategy Officer

Auch im Bereich Life Science steigt der Druck zur Digitalisierung, denn die COVID-19-Pandemie verstärkt den Trend zum Digital Commerce. Die Menschen halten sich verstärkt zu Hause auf, Shopping ist mittlerweile in den meisten Bereichen online möglich. Nun ist E-Commerce zwar kein zentrales Life Science Thema, dennoch betrifft die Entwicklung auch diese Branche maßgeblich, denn: Die verstärkte Verfügbarkeit digitaler Angebote verändert die Gewohnheiten der Zielgruppe – Kund:innen erwarten, nahezu alles online abwickeln zu können, auch im Gesundheitskontext. Und damit nicht genug: Die steigende Datenkomplexität führt zu einer Verzögerung klinischer Studien, der Zugang zu Mediziner:innen als Verschreibenden wird immer schwerer, Kontrollen durch Kostenträger immer strenger. Kann eine digitale Strategie dabei helfen, diese Probleme lösen? Dieser Beitrag gibt CIOs aus der Branche Anregungen und Tipps für die Herangehensweise an ihr Digital Business.

Wieso es Life Science Unternehmen nicht gelingt, digitale Maßnahmen erfolgreich zu skalieren

Der Blick auf den Markt zeigt: Life Science Unternehmen haben die Digitalisierung nicht verpasst. Im Gegenteil – die Branche ist offen für Innovation. Mobile Apps, Machine Learning, künstliche Intelligenz, weder mangelt es an der Bereitschaft zur Umsetzung moderner Digitalisierungsprojekte noch an den technologischen Möglichkeiten. Was fehlt, ist in vielen Fällen eine gelungene Skalierung – und damit der langfristige Erfolg. Woran liegt das? 

Problem 1: Digitale Strategie

Die scheinbar unendlichen Möglichkeiten moderner Technologien sind verlockend. Apps, Portale, Produktwebsites – Entwicklungen in diesen Bereichen versprechen einen direkten Draht zu Mediziner:innen und Patient:innen, einen erleichterten Marktzugang, eine verbesserte Kund:innenbindung. Nur: Für sich stehend, also nicht eingebettet in eine ganzheitliche digitale Strategie, können sie langfristig nicht auf relevante Business-KPIs einzahlen. Auch IT-Marktforschungsinstitut Gartner beobachtet, dass die Digitalisierungsmaßnahmen von Life Science Unternehmen häufig eher trendgetrieben, nicht skalierbar und damit nur kurzfristig effektiv sind. Das wirkt sich negativ auf die Produktqualität und den ROI aus. Und am Ende werden festgefahrene Projekte immer wieder zugunsten neuer, innovativer Maßnahmen aufgegeben. Effizienz sieht anders aus.

Problem 2: Monolithische IT-Systeme

Ein digitales Geschäftsmodell kann nur so gut sein wie die zugrundeliegende Technologie. „Gut“ bedeutet in diesem Fall vor allem: zukunftsfähig. Die IT-Umgebungen der meisten Life Science Unternehmen bestehen jedoch noch immer aus monolithischen IT-Systemen. Geschlossene Architekturmodelle und Business Applikationen, die in Datensilos enden, verlangsamen Prozesse und verkomplizieren die Integration neuer Features oder Systeme. Gleichzeitig nimmt die Diversität von Datentypen und damit die Datenkomplexität zu. Die wertvollste Ressource des Digital Business, Daten, kann nicht optimal und organisationsweit genutzt werden. Das führt zu einer fragmentierten Customer Journey auf der einen und zur Verzögerung klinischer Studien auf der anderen Seite. Hier verspielen Life Science Unternehmen viel Potenzial – und die Chance, ihre digitalen Maßnahmen zu skalieren.

Problem 3: Unternehmenskultur und Mindset

Risikofreude stellt in der Life Science Branche traditionell keine wesentliche Grundlage für Businessentscheidungen dar. Die Unternehmenskultur baut auf Sicherheit und Stabilität – das bringt das Themenfeld ganz automatisch mit sich. Zahlreiche Anforderungen an die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften verlangsamen den digitalen Fortschritt permanent. Entsprechend vorsichtig entwickeln und planen CIOs bis heute technologische Innovationen. Wer erfolgreich digitale Produkte umsetzen will, benötigt jedoch ein gewisses Start-up-Mindset. Denn bei der rasanten Geschwindigkeit, mit der sich die Möglichkeiten und Kund:innenbedürfnisse weiterentwickeln, ist es wichtig, Funktionalität vor Perfektion zu stellen, schnelle Entscheidungen zu treffen und zeitnah nutzbare Produkte auf den Markt zu bringen. Nur so kann das eigene Angebot tatsächlich den aktuellen Bedarf decken.

Die Lösung: Den Markt auf einer digitalen Plattform zusammenbringen

Um das Potenzial moderner Technologien tatsächlich effizient und langfristig für ihr Unternehmen zu nutzen, müssen Life Science CIOs umdenken: weg von attraktiv erscheinenden Einzelmaßnahmen hin zu einem digitalen Fundament für die Businessstrategie. Konkret bedeutet das: eine digitale Plattform aufbauen, die einen ganzheitlichen Shift hin zum Digitalen ermöglicht. Warum? Hier können unterschiedlichste Zielgruppen mit ihrem Angebot und ihrem Bedarf zusammenkommen, seien es Patient:innen, Mediziner:innen, Kliniken oder Hersteller. Dabei ist es wichtig zu verstehen: Digitalisierung muss mehr sein als das Übertragen des Angebots in die Onlinewelt. Das Ziel sollte eine Plattform sein, die als transaktionaler Marktplatz für Informationen und Services noch viel mehr erreicht: Kund:innen und ihre Bedürfnisse in den Fokus rückt, Touchpoints für die gesamte Customer Journey bietet – und dafür vorhandene Daten optimal ausnutzt.

Ein solches Projekt ist natürlich nicht in wenigen Wochen realisiert. Das macht aber nichts: Die Entwicklung kann sukzessive in abgeschlossenen Einzelphasen erfolgen – gerade agile Entwicklungsmethoden ermöglichen eine effiziente Umsetzung mit kontinuierlicher Priorisierung elementarer Bestandteile.

Was es zu beachten gilt:

1. Customer Experience

Ausgangspunkt für erfolgreiches Digital Business dürfen weder das eigene Angebot noch die Möglichkeiten der Technologie sein, sondern die Kund:innen und ihre Bedürfnisse. Eine nahtlose Customer Experience über unterschiedliche Kanäle hinweg, die personalisierte Ansprache und ein nutzer:innenfreundliches Frontend sind nur einige Elemente, die Kund:innen heute von einer digitalen Plattform erwarten. Damit das gelingen kann, müssen Daten zentralisiert werden und CRM und mobile Applikationen verknüpft sein.

2. Architekturplanung

In der Umsetzung ist eine API-basierte Microservice-Architektur zwar zunächst aufwändiger als die bestehenden monolithischen Systeme. Will ein Unternehmen mit seiner digitalen Plattform zukunftsfähig sein, kommt es an einer Architektur, die neue Features und Funktionen schnell integrieren kann, jedoch nicht vorbei. So können Änderungen im Businessmodell und der digitalen Strategie flexibel aufgefangen werden. Für die Umsetzung bieten sich insbesondere agile Entwicklungsmethoden an.

Der Vorteil an einer solchen Vorgehensweise: Im ersten Schritt werden die Zielgruppenbedürfnisse in den Fokus gestellt, beispielsweise von Mediziner:innen, Patient:innen oder Kliniken. Was sind die Probleme, wo liegt der Bedarf, und durch welche digitalen Angebote lassen sie sich lösen? Daraus werden die zunächst relevantesten Services abgeleitet. Der Projektentwicklungszyklus bei der Umsetzung ist kurz: Ein Modul, also etwa eine Funktion für ein digitales Patient:innenportal, geht schnell in einer funktionalen Version live und wird in der Praxis mit echten Nutzer:innen getestet. Mithilfe der resultierenden Erfahrungen kann es in folgenden Iterationen dann kontinuierlich angepasst und verbessert werden. Das ermöglicht eine hohe Geschwindigkeit und Qualität – auch in der kontinuierlichen Optimierung und Erweiterung: Da die Dienste eigenständig und durch APIs gekoppelt sind, können sie auch unabhängig voneinander weiterentwickelt und beispielweise auf Basis einer Container-Infrastruktur individuell skaliert werden.

Value kreieren über Daten: So kann es aussehen

Denkt ein Life Science Unternehmen um und beginnt, Daten als Ressource und als Grundlage für die digitale Transformation zu betrachten, wird der Wert einer transaktionalen digitalen Plattform schnell deutlich: Hier liegen Kund:innen- und Vertragsdaten zentralisiert vor, das heißt sie können zum einen unkompliziert angereichert und zum anderen übergreifend genutzt werden, beispielsweise durch eine automatisierte Analyse, Machine Learning oder AI. Zudem ermöglicht eine solche Plattform die Integration externer Systeme und Quellen, aus denen zusätzliche Erkenntnisse gewonnen und neuer Wert generiert werden kann.

Ein solches Digitalisierungsvorhaben ist komplex und technologisch anspruchsvoll. Gartner empfiehlt Life Science Unternehmen, diesen Herausforderungen gemeinsam mit erfahrenen Technologiepartnern zu begegnen. Daraus ergibt sich eine Reihe von Vorteilen:

  • Mit zunehmender Digitalisierung steigt die Notwendigkeit an spezialisierten Kenntnissen für einzelne Teilbereiche. In Zusammenarbeiten mit verschiedenen Spezialist:innen wird dieses Fachwissen bestmöglich ausgenutzt – für ein optimales Ergebnis in allen Bereichen.
  • Technologiepartner, insbesondere solche, die nach agilen Methoden arbeiten, können Life Science Unternehmen dabei unterstützen, aus dem gefestigten Mindset auszubrechen und flexibler und schneller zu agieren.

Einige solcher Partnerprojekte befinden sich bereits in der Umsetzungsphase. So arbeiten etwa Bristol-Myers Squibb, Pfizer und Fitbit zusammen, um durch die Analyse von Fitnesstracker-Daten eine frühzeitige Diagnose von Vorhofflimmern zu ermöglichen. Sanofi und Google haben sich zusammengeschlossen, um den Zugang zu Healthcare über Technologien zu beschleunigen. Novartis kooperiert in Projekten in den Bereichen Forschung, klinische Entwicklung und Produktion mit Microsoft. Ebenfalls mit Microsoft zusammen arbeitet Astra-Zeneca, um die Entwicklung innovativer Lösungen für Verbraucher im Gesundheitswesen und medizinische Fachkräfte zu beschleunigen.

Die digitale Strategie als Grundlage für langfristigen Erfolg

Diese Beispiele zeigen: Life Science CIOs müssen ihre Digitalisierungsprojekte weder alleine stemmen noch bei null beginnen. Stattdessen sollten sie größer und langfristiger denken, weg von den kleinen Maßnahmen und hin zu den eigentlichen Businesszielen. So lässt sich mit den passenden Umsetzungspartnern die Bereitschaft zu Innovation in eine effiziente Digital Business Strategie kanalisieren – und letztlich in eine digitale Plattform, die den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist.